Auch wenn Stetten schon in Schönaich (zweite) Bundesliga-Luft schnuppern durfte, wollten wir uns doch den Besuch einer Bundesligapartie nicht nehmen lassen. Und diesen Samstag war es soweit: Deizisau zuhause gegen Dresden, parallel dazu Schwäbisch Hall gegen Schachfreunde Berlin.

Der Berichterstatter beschloss, mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen, und bekam dann live den Unterschied von Schach-Bundesliga und Fußball-Bundesliga demonstriert, spielte doch der VfB Stuttgart parallel gegen die Eintracht aus Frankfurt. Nach voller S-Bahn (mit 15 Minuten Verspätung) und einem schönen Winterspaziergang traf ich beim Spiellokal, der Gemeindehalle in Deizisau, ein. Was für ein Unterschied: 16 Bretter, 32 Spieler, und im Zuschauerraum selten mehr als 15 Zuschauer gleichzeitig. Die Partien liefen natürlich alle schon, und bei der ein oder anderen begann sich abzuzeichnen, dass es gleich hoch her gehen würde (für Schachverhältnisse). Ein Blick in die Aufstellung zeigte, dass die Celebrities größtenteils da waren:

  • Peter Leko am ersten Brett gegen seinen Nationalmannschaftskollegen Zoltan Almasi. Würden die sich gegenseitig wehtun?
  • Georg Meier (oft bei chess.com in deren Titled Tuesday erfolgreich) gegen Liviu Nisipeanu
  • An 4 Andreas Heimann (den ich nicht kannte) gegen die frühere Jugend-Weltmeisterin Elisabeth Paehtz
  • An 7 das Highlight Vincent Keymer, mit 13 schon Anwärter auf den Großmeistertitel gegen Jens-Uwe Maiwald

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Man schaute sich die Partien an, wobei dem Nicht-Schachspieler schwer die Spannung begreiflich zu machen ist, die aber spürbar im Raum lag. Hier trafen wohlvorbereitete Gegner aufeinander, und es entspann sich ein teils seltsames Ringen um Felder, Schwächen, Linien, Bauernstrukturen usw.

DSCN6986 Dabei geht es den Profis (die Spieler bekommen Geld für ihr Spiel) wie den Amateuren: Nach einiger Zeit sitzend und denkend muss man sich bewegen, ein paar Schritte tun, und sich damit ablenken. Die Spieler bewegen sich dabei aber meist im Innenraum, sie waren bei diesem Spiel durch Tische von den Zuschauern außen abgetrennt. Das gibt ein wenig Schutz durch räumlichen Abstand, aber ein wenig drängt sich der Eindruck eines Zoos auf, wobei wirklich die Frage ist, wo die Tiere und wo die Besucher sind (zumindest waren die Spieler die ganze Zeit in der Mehrzahl).

DSCN7010 Für mich das faszinierendste Duell war das zwischen Jens-Uwe Maiwald, der in seiner Jugend auch schon an Europa- und Weltmeisterschaften teilnahm, und dem Shooting-Star der deutschen Schachjugend, Vincent Keymer mit gerade mal 13 Jahren. Als ich letztes Frühjahr den C-Trainer-Kurs besuchte war eine der Einheiten von Artur Jussupow, der früheren Nummer 3 der Welt (in den 80ern) und heutigem Schachtrainer von …. Vincent Keymer. Die Partie der beiden war für den Laien von außen schwer zu beurteilen, zeitweise hatte Vincent 2 Bauern weniger. Am Ende aber gewann er sein Spiel.

DSCN7012 Wem das reine Zuschauen zu trocken war, der konnte in einem Nebenraum der Analyse von Großmeister Philipp Schlosser lauschen, der alle Partien nach und nach bis zu ihrem aktuellen Stand nachspielte. Man kann die Partien jederzeit bei chess24.com finden, dort werden alle Partien der Bundesliga live gezeigt. Die Bretter sind entsprechend vorbereitet, so dass die Partien live übertragen werden können. Nachdem Peter Leko schon früh remis machte mit Almasi, kam er netterweise zu Philipp Schlosser in den Analyseraum und kommentierte den Fortschritt seines Mannschaftskollegen Vincent in seiner Partie. Dort konnte man staunend sehen, über was man sich als Großmeister Gedanken macht.

Alles in allem eine spannende Angelegenheit, auch wenn der Berichteschreiber schon nach gut 2 Stunden den Heimweg wieder antrat. Zu dem Zeitpunkt gab es erst 2 Remispartien, der deutliche 5,5:2,5 Erfolg von Deizisau zeichnete sich dort noch nicht ab.

Wer mag kann alle Bilder unseres Besuchs beim Klick auf jedes der dargestellten Bilder finden. Und wer bewegte Bilder lieber mag, findet uns sogar auf YouTube wieder!! Das muss der Fotograf gewesen sein, der die ganze Zeit durch den Raum geschwebt ist. Ich habe mich immer gefragt, was der macht, jetzt wissen wir es.


3 Kommentare

Gert · 25. Februar 2018 um 11:22

Der Unterschied zum Fußball waren nicht nur die wenigen Zuschauer, was wundert da es rundherum von Schachvereinen nur so wimmelt, auch die Ruhe. Wenn man nur zu einem Partner etwas flüsterte, kam ein Schiri und machte: „Pst“!!
Auch die langen Bedenkzeiten einzelner Spieler, über 20 Minuten pro Zug war keine Seltenheit. Dagegen der schon erwähnte GM Leko der nur im Vorbeigehen in den Partien erkannte was für Möglichkeiten die Spieler hatten, er konzentrierte sich auch auf die Partie des 13 jährigen Vincent.

Fritz · 25. Februar 2018 um 11:26

Im Turniersaal hätte man eine Stecknadel fallen hören, so „tonlos“ und hochkonzentriert ging’s da zu. Schade, dass so wenige Zuschauer solch ein Erlebnis besuchen.

Am besten fand ich die Partie-Dokumentation durch GM Philipp Schlosser, der nicht nur über jeden Spieler bestens bescheid wusste, sondern auch recht schnell die Partie-Anlagen nebst weiteren Plänen aufzeigen konnte. Mit GM Leko, der nach seinem frühzeitigen Remis gegen Nationalmannschaftskameraden Almasi, mit analysierte, fand ich das ungleich interessanter als die im Nebenraum stattfindenden Partien.

Rafael · 25. Februar 2018 um 15:59

Nachdem ich an meinem Hinterrad Speichen wechseln musste, war sowieso eine Probefahrt angesagt und die Strecke Filderstadt, Neuhausen, Denkendorf, Deizisau ist wirklich angenehm zum Radeln, auch wenn es heftig windig war.

Leko, Paehtz, Keymer, Meier oder Nisipeanu mal live zu sehen war toll. Auch interessant wie sie sich am Brett verhalten. Habe selten so einen Zappelphilipp gesehen wie Frau Paehtz.

Mir ist aufgefallen, dass viele Weißspieler schon in der Eröffnung ihre Dame ins Spiel gebracht haben. Bestimmt an 5 Brettern. Am meisten hat mich Supergroßmeister Jakovenko fasziniert, wie er das mit Schwarz einfach ohne Rochade spielte, der Gegner wusste auch nichts damit anzufangen.

P.S. Ich guckte draußen auf dem Flur nach meinen aktuellen lichess-Zügen und wie ich am besten wieder zurückfahre, da wurde ich tatsächlich vom Schiedsrichter kontrolliert. :-/

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